Das Jägerheim Löbsal - mehr als 100 Jahre traditionelle Gastronomie in 4. Generation

Das Haus, in dem sich jetzt die Gaststätte "Jägerheim" befindet, wurde 1811 erbaut. Das Grundstück war eine Bauernwirtschaft mit Weinbau. 1890 hat der damalige Besitzer Johann Friedrich Tausend aus dem Grundstück ein einfaches Landgasthaus gemacht. Den Vorgarten dazu ließ er vom Seußlitzer Gärtner Legel anlegen. Ihm verdankt das Jägerheim seinen heutigen schönen schattigen Garten. Vor dem Grundstück nach dem Golkwalde zu war früher eine große Kirschplantage, deren Kirschbäume im strengen Winter 1928/29 erfroren sind. Eine "Kirschbude", wo es frisch vom Baum gepflückte Kirschen zu kaufen gab, lockte damals Groß und Klein nach Löbsal. Um die Kirschbude herum war eine einfache Bank, auf der die Kirschen verzehrt werden konnten. Zum mitgebrachten Butterbrot war das für viele Leute ein beliebtes, preiswertes Abendbrot. So ist nach der Erzählung älterer Leute eigentlich der Zug der Gäste nach Löbsal entstanden.

Beginn der Familientradition

Die 1. Generation

1909 verkaufte die Familie Tausend das Gasthaus, welches damals noch "Gasthaus Löbsal" hieß, gesundheitshalber und unser Urgroßvater, Emil Oswald Knoblauch, Jhrg. 1873, erwarb es. Er stammte aus Nieschütz und hatte den Beruf des Brauers in der Schlossbrauerei Seußlitz erlernt.

Emil war eigentlich auf Wanderschaft und kam nur zur Beerdigungsfeier seiner Eltern nach Nieschütz. Dort erfuhr er eher zufällig von dem zum Verkauf stehenden Gasthaus in Löbsal. Zusammen mit seiner Frau Sophia, die er in Westfahlen kennenlernte, bewirtschaftete er nun die Gaststätte, die sich im Laufe der Jahre zunehmender Beliebtheit erfreute. Die Gäste kamen mit Kutschen oder zu Fuß zur Einkehr. Später nahm oder brachte auch das Postauto Gäste den Berg hoch oder runter.

Als Gastraum stand nur unsere Gaststube zur Verfügung, die Wände noch ohne Holzverkleidung, sondern mit Rupfen (Grüngefärbte Leinwand) und Ölfarbe. Der Biergarten hatte eine offene Laube und erfreute sich schon damals großer Beliebtheit. Das Schiff war das wichtigste Verkehrsmittel. Täglich 6 Schiffe in jede Richtung sorgten für gute Anbindung für Einheimische und Ausflügler. So mussten die Kinder der Knoblauchs, Hilde und Martha (welche später das Geschäft übernahm), wie damals üblich in Holzlatschen, oft zur "Schönen Aussicht" laufen und von "oben" die Gäste zählen, welche sich auf den Weg nach Löbsal machten, damit man für den kleinen oder großen Ansturm gewappnet war. Auch das Rasseln der Kettendampfer war bis nach Löbsal zu hören.

Neben der Wohnung befanden sich noch drei einfache Zimmer mit Waschschüsseln und Wasserkrug im Haus. Diese wurden, wie viele andere in unserer Gegend auch, von den vornehmlich Leipziger Gästen zur Sommerfrische genutzt. Wie damals üblich, wurde das Meiste was verkauft wurde, selbst angebaut oder als Haustiere gehalten. Emil hatte Ziegen, Schafe, Schweine, Enten, Hühner und Bienen sowie einen Weinberg und ein Stückchen Feld. Auf diesem wurden Kartoffeln und Roggen angebaut. Nach dem Dreschen des Getreides bei Löbsaler Bauern, wurde das Korn von den Töchtern im Handwagen zur Neumühle nach Golk geschafft und gemahlen. Das Mehl kam, ebenfalls per Handwagen zur Bäckerei Fischer nach Nieschütz und von dort konnte so, je nach Bedarf, Brot für die geschäftliche oder private Verwendung abgeholt werden. Kurz nach Beginn des 1. Weltkrieges 1914 wurde Emil zum Militär eingezogen, Landsturmregiment Nr. 31 1. Kompanie. Nach dem Einsatz in Frontabschnitten in Russland, der Ukraine und Frankreich, wurde er mit Beendigung des Krieges 1918, glücklicherweise unverwundet, entlassen. Sophie musste das Geschäft in dieser schweren Zeit allein über Wasser halten und hatte, auch aufgrund der Tiere und des Obst- und Gemüseanbaus, nicht unter der weit verbreiteten Hungersnot zu leiden.

Nach dem Krieg und mit zunehmender Besserung der Lage, erholte sich der Betrieb rasch. Um den immer zahlreicher werdenden Gästen auch bei ungünstiger Witterung Unterkunft bieten zu können, wurde 1928 die geschlossene Veranda im Garten errichtet, an deren Stelle vorher eine offene Laube stand. Dafür schafften unsere Urgroßeltern Möbilar für die Veranda, sowie 100 Gartenstühle und 15 Tische an. Letztere sind heute noch im Gebrauch. Häufig waren auch Jäger hier zu Gast, welche unserem Haus schließlich den Namen gaben. So wurde aus dem "Gasthaus Löbsal" das "Jägerheim". Schon in die Jahre gekommen, wurde Emil zum 2. Weltkrieg (1939 - 45) nicht mehr eingezogen und versuchte zusammen mit seiner Frau, wie so viele andere auch, irgendwie durch die schwere Zeit zu kommen.

Die Töchter Hilde und Martha, die bereits 1931 den Buchhalter Arthur Rothe aus Großenhain, geheiratet hatte, halfen ebenfalls mit. Arthur war natürlich im Krieg. Das Geschäft lief auch während dieser Zeit schlecht und in den letzten Kriegsmonaten diente Gaststube und Veranda mit wechselnder Front, mal deutschen, mal russischen Soldaten als Unterschlupf. Das Haus selbst war als Lazarett für Soldaten umfunktioniert und wie überall, kam es auch hier zu Tragödien. Alles war voller Flüchtlinge aus Schlesien und ausgebombten Menschen aus Dresden. Letztere wuschen sich in der Küche immer und immer wieder ihre Gesichter. Der Feuersturm hatte ihnen Haut und Harre versengt. Letztlich siegte die Rote Armee und so kamen Kosaken zu Pferde von Laubach her und besetzten das Dorf. Große Angst überall. Mit 2 großen LKW fuhren sie durch unsere Hecke geradewegs in den Garten. Wie im Krieg üblich, wurde auch hier geplündert. Zur Unterhaltung diente ihnen ein altes Grammophon aus unserer Veranda, auf dem sie u. a. unwissentlich das "Horst-Wessel-Lied" abspielten und dazu tanzten.

Die Zeit des Mangels an allem und der Lebensmittelzuteilung musste erfinderisch machen und so verkaufte sich z.B. Limonade aus selbstgepresstem Obstsaft mit Brunnenwasser verdünnt, sehr gut. So wie jeder, so hatten auch unsere Gäste zu dieser Zeit Lebensmittelmarken für Fleisch und Fett, welche dann von der Serviererin entsprechend abgeschnitten wurden.

Die 2. Generation

1948 starb Sophie Knoblauch und so musste unsere Großmutter Martha Knoblauch, die das Geschäft übernehmen sollte, mehr Verantwortung übernehmen. Glücklicherweise kam im selben Jahr Ihr Mann Arthur aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, so dass ab 1949 die beiden das Geschäft führten. Ende der 40er Jahre wurde durch Innenumbau und Ausbau dafür gesorgt, daß im Hause nicht nur wie anfangs 7 sondern 27 Feriengäste Unterkunft finden konnten. Im Folgejahr wurde ein Vertrag mit der SVK (später FDGB) zur Urlauberbetreuung geschlossen, denn das Interesse der DDR-Führung an preiswerten Ferienplätzen für die Werktätigen war groß. Anfang der 1950er Jahre wurde die Küche erweitert, die Gaststube mit einer Holzverkleidungversehen und das alte Haus durch einen Anbau mit WC´s und Zimmern erweitert. Bis 1960, das Jahr von Emils Tod, lief das Jägerheim auf seinen Namen, weil man so einer Zwangsenteignung entgehen konnte. Rentner durften laut Gesetz nicht mehr enteignet werden. Wahrscheinlich diesem Umstand und dem Vertrag mit dem FDGB ist es zu danken, dass der Betrieb durchgehend privat blieb. Nun aber übernahmen Martha und Arthur, unsere Großeltern, das Geschäft. Mit dem Mauerbau 1961 und den eingeschränkten Reisemöglichkeiten, stieg das Interesse an Urlaubsmöglichkeiten in der DDR weiter an. So waren über viele Jahre fast in jedem Haus in Löbsal Fremdenzimmer für FDGB - Urlauber und oft waren es 60 Urlauber, die pro Belegung versorgt werden mussten. 1964 verunglückte Arthur bei einem Verkehrsunfall tödlich - ein schwerer Schlag für die Familie und das Geschäft. Weitere, sich schon in der Planung befindliche Bau- und Modernisierungsvorhaben, wurden verworfen. So kam es, dass bereits 1968 unsere Mutter Gisela Simmang (gelernte Köchin), älteste Tochter von Martha und Arthur, mit ihrem Mann Siegfried (Fleischer) die Geschicke der Gaststätte übernahm.

Die 3. Generation

Nach dem hoffnungsvollen Beginn in den 60er Jahren, stellten sich bald Mangelwirtschaft und Reglementierung ein. Bautätigkeit und Neuanschaffungen waren immer schwerer zu realisieren. Hier halfen nur - entweder das 2. Zahlungsmittel Spargel und Meißner Wein oder die gegenseitige Unterstützung von Nachbarn und Freunden. Diese war nach dem Tod unseres Vaters 1979 umso dringender. Trotz aller Widrigkeiten wurden die Zimmer in den folgenden Jahren mit neuen Fenstern, neuen Möbeln und neuem Fußbodenbelag versehen. Dazu kam Anfang der 80er Jahre endlich warmes Wasser und ein zentraler Duschraum für unsere Urlauber. Die neue Bestuhlung der Veranda 1983, wurde im Nachhinein nach vielen Behördengängen und Bücklingen doch noch bestraft, weil die 100 Stühle aus dem Bevölkerungsbedarf stammten. So musste noch eine saftige Strafe bezahlt werden. Um sich nicht dem gleichen Vorwurf auszusetzen, kauften im Jahr darauf 4 Familien aus Löbsal je 6 Stühle und so bekam man die gewünschten 24 Gaststubenstühle zusammen. Mehrere Auszeichnungen der IHK der DDR belegen, dass es unserer Mutter gelang, trotz der allgegenwärtigen Behinderung der Privatwirtschaft, das Unternehmen erfolgreich zu führen. Mit der Wende 1989 lief der Vertrag mit dem FDGB nach 40 Jahren aus. Die neue Reisefreiheit sorgte anfangs im Osten für gedämpftes Geschäft in Gastronomie und Hotellerie und die Ansprüche und Erwartungen der Gäste und Urlauber stiegen. Das Jägerheim bedurfte einer Modernisierung.

Die 4. Generation

1991 übernahm Michael Simmang, ältester Sohn von Gisela und Siegfried, zusammen mit seiner Frau Anke (beides gelernte Köche) das Geschäft, welches 1993/94 grundlegend modernisiert und erweitert wurde, mit dem Ziel, den ländlich - gemütlichen Charakter zu erhalten. Dabei entstanden neben dem Jägerstübchen (welches den Urgroßeltern und Großeltern noch als Wohnstube diente), der Weinkeller (ehemals Lagerkeller und ebenfalls ca 200 Jahre alt) und 16 komfortable Gästezimmer (vorher Scheune), sowie eine behindertengerechte Ferienwohnung. Der gute Zuspruch und die zur Hoffnung Anlass gebende Entwicklung, zeigen uns, dass dies der richtige Weg war. Doch auch in der heutigen Zeit geht es mitunter nicht ohne die Hilfe lieber und ehrlicher Menschen, die in unserem Fall am Fortbestand unserer Tradition großen Anteil haben. Horst Geißler (Cousin unserer Großmutter Martha) und seine Frau Marianne haben ihre Wurzeln hier und sind auch deshalb mit unserem Haus und unserer Familie eng verbunden. Ihre tatkräftige Hilfe wissen wir wohl zu würdigen und möchten absichtlich an dieser Stelle unseren herzlichen Dank aussprechen. Viele unserer langjährigen Gäste haben das auf den vorhergehenden Seiten geschilderte z. T. gekannt oder miterlebt und so mitunter auch ein Stückchen an der Geschichte unseres Hauses mitgeschrieben. Eine bewegte Zeit mit Höhen und Tiefen, wie für jeden von Ihnen, so auch für uns und unsere Vorfahren. Umso mehr wissen wir die Treue, die mitunter über Generationen reicht, zu schätzen. Persönliche Bekanntschaften und Verbundenheit haben sich entwickelt, verbunden mit gemeinsamer Freude oder auch Anteilnahme. Für all das möchten wir uns, stellvertretend und generationenübergreifend für die ganze Familie ganz herzlich bedanken. Im Sinne unserer Tradition versuchen wir weiter durch ehrliche Arbeit die Anerkennung unserer Gäste zu gewinnen und hoffen sehr, dass unserer Tochter Theres, die nach erfolgreicher Ausbildung in der gehobenen Hotellerie und Gastronomie mit Auslandserfahrung u. a. in Schottland inzwischen ebenfalls im Unternehmen arbeitet, eines Tages die Führung unseres Betriebes in 

5. Generation

übernimmt.

Herzlichst

Ihre
Familie Simmang